Wehrpflicht ade - da wird uns etwas fehlen

Die Aussetzung der allgemeinen Wehrpflicht soll Geld sparen, junge Männer früher der Wirtschaft bereitstellen und das Ende des kalten Krieges besiegeln. Nachteile? Unsere Politiker konnten keine entdecken. Dabei sind sie für jeden, der “beim Bund” war und der nicht in engen Bahnen denkt, offensichtlich.

BundeswehrUnserer Wirtschaft werden die Führungskräfte fehlen, die “auf Stube” lernen mussten oder durften, dass auch Menschen mit niederer Schulbildung Leistungsträger unserer Bundesrepublik sind. Sie durften lernen, dass unterschiedliche Fähigkeiten und Lebenserfahrungen gebündelt in der Gruppe zu den gewünschten Ergebnissen führen. Sieben Abiturienten reparieren keinen Unimog, improvisieren kein Mittagessen und legen keinen Behelfssteg über die Schlucht. Sieben Menschen, bunt zusammengewürfelt aus Handwerk, Handel, Verwaltung, eher praktisch agierende und eher theoretisch denkende Kameraden gemeinsam können fast alles. Wie überall, nicht nur beim Militär, auch in der Wirtschaft gewinnt das Team, das die meisten unterschiedlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten besitzt und einsetzen kann. Diese Lehre haben in meiner Dienstzeit die Abiturienten in ihr Berufsleben bewusst oder unbewusst mitgenommen. Sie haben gelernt, die Leistungen der Kameraden ohne Abi zu schätzen und die wiederum haben gelernt, das auch Abiturienten dank ihrer Kenntnisse in Sprachen, Mathe, Chemie und Physik “zu etwas zu gebrauchen” sind.

Nicht zu vergessen ist die soziale und persönliche Reifung während der Dienstzeit. Sechs oder mehr Leute auf einer Stube ist schon fast ein sozialer Brennpunkt. Da muss man sich einordnen und einem gemeinsamen Regelwerk unterordnen, auch wenn es schwer fällt. Es wird nicht immer der größte, älteste oder schlaueste Stubenältester. Wie soll unsere Jugend heute erleben, “wie weit die Füße tragen”, das es wichtiger ist die ganze Gruppe ans Ziel zu bringen und nicht nur sich selbst? Wie sollen sie erleben, wie es ist, ziemlich allein im Wald die Sonne aufgehen zu sehen? Was ist mit den unbekannten Geräuschen und den Schatten im Morgengrauen, die jeder “gediente” auf seinem Wachposten wahrgenommen hat? Was ist mit der Erfahrung, dass zum Ende einer 48-Stunden Übung die körperlichen und geistigen Fähigkeiten schwinden und  Fehlwahrnehmungen die die Oberhand gewinnen? Diese Erfahrungen prägen einen jungen Menschen. Er weiß nun, dass auch ein Verhandlungsmarathon am Ende morgens früh um 04:00  zwar zu einem Ergebnis führt - weil einer etwas weniger fertig war als der andere - die Ergebnisse aber sicher nicht optimal sein werden. Gediente haben auch die Natur anders kennen gelernt, als ungediente. Sie haben sie mit allen Sinnen erlebt, bei jedem Wetter: Hitze, Kälte, Regen, Dreck, Gras, Wald, Graben, Acker.

Alle diese Erlebnisse werden unseren jungen Männern nun vorenthalten. Sie marschieren vom Kindergarten über die Schule und Abitur in die Uni und von dort aus in leitende Positionen. Sie haben nie wirklich die Natur und die Leistungsfähigkeit der Gemeinschaft erlebt. Sie kennen alles nur aus der Theorie und werden viel dieser Erfahrungen erst im Berufsalltag machen. Fehleinschätzungen von Menschen und Situationen führen zu Fehlentscheidungen. Das wird für unsere wirtschaft teurer, als der verzögerte Eintritt in die Berufswelt durch den Wehrdienst.

Aber - Gesetz ist Gesetz. Ich glaube, dass kommerzielle Eventfirmen diese Marktlücke bald für sich entdecken werden. Zwei Wochen Erlebniscamp mit Natur und Gruppenerlebnis light für Jungmanager.

Und was wird aus der Profiarmee Bundeswehr? Wer als junger Mensch nichts anderes findet - warum auch immer -, Minirambos, Spinner, Kommissköppe, Patrioten und junge Leute, die sich das Geld fürs Studium verdienen wollen gehen freiwillig. Eine tolle Mischung. Die Gefahr des Staates im Staate wächst. Die Berufsbundeswehr ist künftig wohl eher nicht die Heimat des “Staatsbürgers in Uniform”.

Die Lösung?

Wenigstens drei Monate Wehrpflicht und drei Wehrübungen innerhalb von fünf Jahren. Die Inhalte sollten die einer militärischen Grundausbildung sein. Formalausbildung (Disziplin, alle tun das gleiche zur gleichen Zeit, ohne Ausnahme), Waffenausbildung (wie gefährlich sind Waffen), Leben in der Natur, individuelle körperliche Grenzen ermitteln, gemeinsam Ziele erreichen, Lerner der Wertschätzung der Kameraden ohne Ansehen von Bildung, Religion und Herkunft.

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